SANKRANTI e.V.

    v.i.S.d.P.: Monika Ratering

    Strelitzer Straße 71 | 10115 Berlin

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Spendenkonto:

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Die nachfolgenden beiden Texte sind Berichte über zwei Hilfsaktionen, die ich (Monika Ratering) 2012 und 2013 in Indien durchgeführt habe. Die Berichte sind Schreiben an die Sponsoren, die sich an den Aktionen beteiligt hatten.

Beim ersten Hilfsprojekt, 2012, motiviert durch eine 'Weltspiegel' Dokumentation, halfen wir Opfern der Mikrokreditindustrie.

Bei der zweiten Hilfsaktion, 2013, unterstützten wir kleine Bauernfamilien, Witwen, die ihre Ehemänner durch Selbstmord verloren hatten.Statistisch gesehen nimmt sich in Indien alle 8 Stunden ein Bauer das Leben. Ich fahre seit 15 Jahren dorthin. Die Betroffenen, die ich vor Ort traf, sind höchst ehrenwerte Menschen, einfache Bauern und Landarbeiter - bescheiden, arbeitsam, pur. Menschen, die sich früher noch selbst ernähren konnten, sind nun gefangen im Netz geldgieriger Großkonzerne. Sie sind vollständig abhängig, da sie nur noch an genmanipuliertes Getreide kommen.

Das wollen wir ändern! Geplant ist, Bauern mit traditionellem Getreide zu versorgen. Voraussichtlich werden wir mit Vandana Shiva zusammen arbeiten.

Jeder Euro zählt, wir können in Indien vieles damit bewirken! Jede gute Idee kann in Indien verzweifelten Menschen - ganze Regionen - neue Hoffnung und neuen Lebensmut geben!

Danke für jeden Tipp und für jede Spende!!!

Bericht über die Hilfsaktion für Bauern in Warangal – Andhra Pradesh – Indien vom Januar und Februar 2013

Liebe Freunde,

mir fiel es diesmal sehr schwer diesen Bericht fertig zu schreiben. Immer wieder war ich in Gedanken in Indien und bei diesen Familien, die wir besucht hatten.

Ich hatte in Deutschland nie die Wahrheit der Zeitungsberichte oder Fernsehdokumentationen über Genmanipulation von Getreide etc. angezweifelt, dennoch war es für mich irgendwie abstrakt. In der Realität zu sehen, dass Monsanto tatsächlich bis in die abgelegensten und ärmsten Gegenden dieser Welt vorgedrungen ist, um ehrlich arbeitende Bauern zu Chemikalien-Sklaven zu machen, war für mich ein Schock !

Fährt man in Andhra Pradesh auf dem Land herum, scheint oberflächlich die Welt noch ganz in Ordnung. Man sieht Frauen in leuchtendfarbenen Saris die Straße entlang gehen, sie tragen etwas auf dem Kopf, kleine Ziegenherden mit einem Jungen oder Alten der auf sie aufpaßt, im Schatten eines großen Baumes rastende Tiere und Landarbeiter bei der Brotzeit. So schaue ich gerne aus dem Fenster des Autos, wenn wir zu den Dörfern unterwegs sind.

Immer wieder überholen wir Ochsenkarren. Manchmal sieht man noch die alten bemalten, holzgeschnitzten; die Ochsen tragen kleine Schellen an den Hörnern, sie klingen bei jedem Schritt...
Wir erreichen das erste Dorf und die erste Familie. Wir, das sind Prof. K. Venkat Narayana, Mr. Ramreddy und ich. Der Prof. und ich kennen uns schon vom ersten gemeinsamen Projekt für Opfer der Mikrokreditindustrie. Der Bericht über diese erste Hilfsaktion findet sich weiter unten auf dieser Seite.


Bild links: Prof. K. Venkat Narayana, Bild rechts im Vordergrund: Mr. Ramreddy


Durch unsere super gute Zusammenarbeit ist eine echte Freundschaft, auch mit seiner Familie, entstanden. Mr. Ramreddy ist diesmal während des ganzen Projekts ebenfalls dabei. Er fährt uns auf eigene Kosten Tag für Tag zu den weit entlegenen Dörfern.

Besuch in den Dörfern

Meistens stehen dort schon 3 Plastikstühle bereit. Oft ist das halbe Dorf versammelt. Unser Besuch ist etwas besonderes.Wann kommt schon mal ein Fremder ins Dorf; viele haben noch nie eine Westlerin gesehen. Sie erzählen, Journalisten machen Notizen und Fotos, auch ich fotografiere. Prof. V.N. und Ramreddy führen das Gespräch und übersetzen für mich.



Oft ähneln sich die Berichte über die tragischen Geschehnisse. In einer Familie hatte sich der Mann im Haus erhängt, in einer anderen Familie hatte sich der Mann einen schweren Felsstein an den Fuß gebunden und ist in den Brunnen gesprungen, ein anderer hatte Pestizide getrunken und wurde tot auf dem Feld gefunden und, und, und.... Vielfach hatten verschiedene Gründe zu diesem verzweifelten Ende geführt: zwei, drei Fehlernten in Folge; gentechnisch verändertes nicht mehr vermehrungsfähiges Saatgut, Fake-Saatgut, Pestizide und Düngemittel – alles geliefert von Monsanto. Sie bestimmen die Preise. Hinzu kommt die Dürre. Mit Hilfe von Generatoren wird bei Trockenheit das Wasser hochgepumpt, der Grundwasserspiegel sinkt somit von Jahr zu Jahr. Stromausfälle bedeuten bei der üblichen Trockenheit, dass die ganze Ernte vertrocknet. Monsanto will nun auch noch die Wasserlizensen kaufen...

Entrüstung ist bei den Bauern kaum noch zu spüren; man ist resigniert. Nackte Verzweiflung, Ausweglosigkeit, Zukunftsangst – was wird aus unseren Kindern? Solche Fragen stehen im Raum?!

Wollt ihr eine Kuh?

Ich stelle klar, dass sie frei sind, und frei sagen können, was Ihnen am meisten hilft. Unser Besuch ist keine Prüfung, bei der man das Richtige sagen muss. Die Tatsache, dass sich das Familienoberhaupt das Leben genommen hat, reicht, um für das Hilfsprogramm ausgewählt zu werden. Sie sind erstaunt, daß sie überhaupt jemand gefunden hat in ihrem kleinen Dorf, in das sonst noch nie ein Fremder gekommen war – viele Autostunden von der nächsten Stadt entfernt.

Nach dem Tod steht die junge Witwe da – mit einer verzweifelten Schwieger-/mutter, -vater, Brüder, Kinder... Wer führt nun den Hof weiter? Was geschieht mit den Krediten? Fragen über Fragen. Die Schwiegereltern der Witwe sind meist nicht viel älter als ich – oft abgearbeitet und erschöpft. Alle – auch wir – scheinen von der Situation überfordert zu sein. Wie kann man solche Menschen trösten, was sagt man ihnen?



Wir sitzen wieder im Auto, auf zum nächsten Dorf. "Lass uns ab jetzt nur noch Familien besuchen, bei denen der Tod des Angehörigen mindestens ein halbes Jahr zurück liegt.Vielleicht haben die Hinterbliebenen dann schon eine Vorstellung, wie es weiter gehen kann...?!" schlage ich vor. Prof. Venkat Narayana geht mit dem Finger in der Liste ein paar Zeilen tiefer – kein Problem, die Auswahl ist groß. 250.000 Farmer haben sich in Indien bereits das Leben genommen.

Bitter schaue ich aus dem Fenster des Autos. Es ist alles absolut aussichtslos. Was mache ich hier nur?

Bei einem Gespräch in einer kleinen Runde frage ich: "Woran liegt es, dass es einige Bauern nicht schaffen und andere schon? "Nun, heutzutage müssen die Bauern Geschäftsleute, Manager sein. Das sind die meisten nicht. Die es nicht schaffen, sind überwiegend einfache, grundehrliche Menschen, viele sind Analphabeten." "Warum jagt die Regierung Monsanto nicht einfach aus dem Land, das ist ihr bei den Mikrokreditbanken doch auch gelungen?" "Die Regierung ist Monsanto!" wird mir erklärt. "Wie?" Ich muss den Satz dreimal hören: "Ja, die Regierung wird von Monsanto bezahlt. Sie wollen, dass sie bleiben!" Korruption ist in Indien ein weit verbreitetes Problem.

Eine halbe Stunde später sitzen wir vor der nächsten Witwe. Ich weine und kann mich gar nicht mehr beruhigen und werde fotografiert. Ich fotografiere die Journalisten. Die Journalisten fotografieren uns. Wir verteilen Bananen bevor wir gehen, ich werde mit Banane fotografiert. Ich soll fürs Foto eine Banane schälen und der Witwe hinhalten. Ich weigere mich. Ich fotografiere die Witwe und die Kinder, und wir steigen ins Auto und fahren. Der Ziegenhirte steigt mit ein, er zeigt uns den Weg zur nächsten Familie. Ich glaube, er hat noch nie in einem Auto gesessen, der Glückliche, er freut sich.



Noch ein paar Sätze zum Thema...
"Warum ein Verein?"


fragten mich ein paar Freunde, die Frage verstehe ich nur zu gut! Dieser bürokratische Schritt muflte leider sein; aus finanzrechtlicher Sicht muss ich mich für alle Einnahmen und Ausgaben rechtfertigen. Außerdem kann ich jetzt Spendenquittungen ausstellen. Das behördliche Prozedere mit den dazugehörigen Schreibereien ist abschreckend und der beste Beweis dafür, dass ich mein soziales Engagement in Indien fortsetzen möchte. Keine Sorge, die Projekte sollen auch künftig transparent bleiben und für jeden, der Geld gegeben hat, muss weiterhin nachvollziehbar sein, was daraus geworden ist. Ich verstehe mich dabei als eine Art Botin, und ich möchte dafür garantieren, dass jeder gespendete Cent ohne Abzug für Spesen die betroffenen Notleidenden 1 : 1 erreicht. Sankranti e.V. heißt der kleine gemeinnützige Verein. "Sankranti" dies Wort kennt in Indien jeder, es ist das Fest der Farmer, das Erntedankfest. Es steht für Neubeginn.


Um Gott in jedem Gast willkommen zu heißen, werde die Hauseingänge zu Sankranti geschmückt.

Die Zierde des Mittelpunkts der "Rangolis" besteht oft aus Kuhdung


Das Geld und der Plan

Insgesamt sind bei der Spendenaktion 5.704,13 € bis Ende Januar 2013 zusammen gekommen. Ich konnte alles berücksichtigen. Der Wechselkurs lag zwischen 71,1 und 71,6 Rupies für 1 €. 13 Familien konnten durch die Aktion unterstützt werden. Alle erhielten die gleiche Summe 28.000,-rps plus 2.500,-rps in bar.

Zwei Familien konnten sich von dem Geld eine Kuh mit einem Kälbchen kaufen. Eine Familie hatte sich von dem Geld eine kleine Herde von acht Schafen angeschafft. Die anderen zehn Familien entschieden sich für Geld, das für sie von mir für 5 Jahre auf der DENA- Bank (Konzept wie im Vorjahr) deponiert wird. Es gibt 9,5 % Zinsen, diese können sie sich halbjährlich auszahlen lassen. Das Geld ist für die Ausbildung ihrer Kinder oder die Aussteuer/Verheiratung ihrer Töchter vorgesehen.Ich bezahlte außerdem von den Spendengeldern 14 Saris (Kleid) und das Essen für die Angereisten am Tag der Scheckübergabe.



Die Fotos hatten Journalisten gemacht. Die neuen Kuh-Besitzer überreichten mir stolz und froh die Fotos am Tag der Scheckübergabe.

Diese Familie konnte sich von dem Geld eine kleine Herde mit 8 Schafen anschaffen. Der kleine Junge und seine Großmutter werden die Schafe hüten. Der junge Mann auf dem nächsten Foto hat nur noch ein Bein. Er hat seinen Vater verloren. Jetzt verkauft er am Bahnhof Wasser.


Tag der Scheckübergabe

Wie schon beim ersten Projekt wollen wir die Schecks in einem feierlichen Rahmen überreichen. Geladene Gäste sind Mitglieder von Frauen- selbsthilfegruppen, Journalisten, Dorf-Bürgermeister, die Familien selbst und ihre Verwandten. Die Akademie der Künste in Warangal stellte uns für dieses Programm kostenlos einen Saal zur Verfügung.

Für die Bauern war es ein weiter Weg bis Warangal, daher sollte es für alle zur Begrüßung eine gemeinsame Mahlzeit geben. 100 Personen erwarteten wir.



Nach dem Essen stehen wir alle relativ ratlos im Innenhof vor dem Eingang zum Saal herum. Der Unibetrieb läuft wie gewohnt. Studenten schauen uns fragend an. Journalisten stehen bereit. Wir warten... wir Frauen setzen uns auf eine kleine runde Rasenfläche umgeben von einer Buchsbaumhecke. Da sitzen wir nun, sehen uns an, erkennen uns wieder, sind froh, dass wir wenigstens uns kennen in dem ganzen Getümmel. Die Männer stehen drum herum. Eine Frau kommt freudestrahlend auf mich zu. Ich erkenne sie. "Die Kuh hat heute schon 3 Liter Milch gegeben." Sie strahlt. Das ist für eine indische Wasserbüffelart schon eine gute Menge. Wir freuen uns zusammen. Einige Frauen und Töchter suchen meine Nähe, setzen sich zu mir und weinen. Ich weine auch. Wie Blumenstauden sitzen wir da – auf dem Rasen im Innenhof der Akademie der Künste.



Endlich ist der Saal frei. Alle ehrenamtlichen Redner, die Prof. Venkat Narayana eingeladen hatte, sind wohlverdiente und in dem Distrikt bekannte Persönlichkeiten, die sich für die Rechte der Farmer eingesetzt hatten und bei den Menschen hoch angesehen sind. Viele Journalisten und ein Fernsehteam waren ebenfalls anwesend. Irgendwann war ich dran mit meiner Rede. Alle, auch die die schon fast eingeschlafen waren, schauten mich gebannt an.Was würde sie sagen? Was soll ich bloß sagen? und dann noch auf Englisch. Zwei Tage zuvor hatte ich eine Rede zu Papier gebracht und geprobt... Sie landete im Papierkorb.

Ich sah in all die Gesichter, ich kannte fast alle.Wir alle hatten uns in den Dörfern oder bei Treffen der Frauenselbsthilfegruppen gesehen. Was sag ich ihnen? Sie schauten mich an als sei ich eine Erlöserin. Ich sagte, dass ich ganz sicher bin, dass Gott sie liebt – auch wenn sie es nicht glauben können und dass es SEIN Wille war, dass sie Hilfe bekommen. U.a. erzählte ich, dass wir im Westen durch die Medien sehr genau über die Probleme der Bauern in Indien informiert sind. Sie seien nicht allein. Die Menschen in Deutschland und der Schweiz würden Solidarität für sie empfinden und hätten ihr Geld aus Liebe und Mitgefühl für sie gegeben (...). Ich forderte sie auf, sie mögen sich gegenseitig helfen, nicht den Mut verlieren und die Witwen und ihre Familien unterstützen... Ich würde wieder kommen und schauen, wie es ihnen geht – im nächsten Jahr!



Nach den Ansprachen wurde jede einzelne Familie aufgerufen. Sie erhielten Schecks, Bargeld und die Frauen einen Sari. Die Mädchen bekamen Schals, die Kinder einen Tennisball und andere Kleinigkeiten. Viele der Witwen umarmten mich, wir versteckten unsere Gesichter hinter dem Sari, sie schluchzten, einige wollten gar nicht mehr aufhören ... ich flüsterte ihnen ins Ohr "Du schaffst es!! Du schaffst es!!..." Für jede Witwe wird ihr neuer Sari eine große Bedeutung haben, sie wird ihn anziehen können, wenn sie traurig ist und sie wird sich an diesen Tag erinnern.



Wir haben mit dieser Aktion ein deutliches Statement gesetzt. Ich kann die Stimmung im Saal kaum beschreiben. Die Menschen haben sich solidarisch gefühlt, sie kommen sonst nie als Gruppe zusammen. Sie haben gesehen, dass sie von Menschen aus einem ganz anderen Teil der Welt wahrgenommen wurden - in ihrem kleinen Dorf und dass sie nicht alleine sind mit ihrem Schicksal. Sie haben Achtung erfahren durch den festlichen Rahmen und die Ermutigung der Redner. Journalisten haben sich für sie und ihre Probleme interessiert. Mehrere Fernsehteams machten Interviews. Die Journalisten waren hochmotiviert über die unzumutbare Haltung der Regierung zu schreiben. In mindestens 15 regionalen und überregionalen Zeitungen Indiens wurde darüber berichtet, es gab eine 20-minütige Fernsehsendung über die Lage der Bauern und unsere Aktion.

Es herrschte ein sagenhaftes Zusammengehörigkeitsgefühl. Es flossen viele Tränen. Wie oft habe ich "Danke, Danke, Danke!" gehört, ich kann den Dank nur von ganzem Herzen an Euch weitergeben. Ihr ward es! Dank eures Mitgefühls habt ihr das Leben dieser Menschen nachhaltig verändert!!! Da bin ich sicher.




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Glücklicher Abschluß der ersten Hilfsaktion für Opfer der Mikrokreditinstitute 2012 in Indien

Die erste Sammel- und Hilfaktion organisierte ich, ausgelöst durch eine Sendung des Weltspiegel in der ARD vom 30.01.2011 über die Opfer der Mikrokreditindustrie in Indien/ Andhra Pradesh. Der folgende Bericht ging an die Menschen, die hierfür gespendet hatten:

Liebe Freunde, wir haben gemeinsam etwas Großartiges geschafft

Die Hilfsaktion in Indien – Andhra Pradesh – stand unter einem guten Stern. Noch bis Mitte Januar gingen Spendengelder auf mein Konto ein. Ich konnte alles berücksichtigen, und so brachten wir inklusive meines Anteils 4.435,-€ zusammen!!! Viel, viel mehr als ich je erwartet hatte. Die Resonanz von Euch war großartig, es gab viele mutmachende Mails und echte Anteilnahme.

Ende Dezember ging mein Flug nach Indien. Im Januar wartete ich auf mails des ARD-Korrespondenten, suchte nach Begleitung für die bevorstehende Reise, verglich Umtauschkurse und beriet mich mit kundigen Indern über die ganze Thematik.Am 31. Januar reiste ich dann letztendlich allein mit einem Koffer voller Geld nach Warangal. ARD-India hatte mir den Kontakt zu einem Professor –Herrn K.Venkatanarayana, Department of Economics der Kakatiya University in Warangal – vermittelt. Er lebt vorort mit seiner Frau und hatte bereits internationale Filmteams und Jornalisten mit Betroffenen zusammen gebracht. Er und seine Frau empfingen mich mit offenen Armen und der in Indien üblichen Gastfreundschaft. Ihr Angebot in ihrem Haus zu wohnen, nahm ich gerne an.



Nach der langen Reise und einer kurzen Verschnaufpause gingen wir gleich ans Werk. Die Veröffentlichungen und Zeitungsartikel über ihn zeigten mir, dass ich an den richtigen Mann geraten war. Er setzt sich seit Jahren für die Rechte der Armen ein, kämpft gegen Korruption und für die Opfer von Microfinancing-Unternehmen. Gerade engagiert er sich für das Thema der Kinderarbeit.



Im Nu hatten wir eine super Vertrauensbasis. Nachdem ich ihm mein Vorhaben erklärte, konnte er mich davon überzeugen, dass eine Ablösung der Kredite nicht mehr nötig sei. In der vorangegangenen Zeit war das Thema ‘Microfinancing‘ zu einem echten Politikum geworden. Zig Fernsehteams aus der ganzen Welt waren vorort gewesen und man hatte politisch erreicht, per Gesetz!, daß die MFI-Unternehmen keinerlei Druck mehr auf die Menschen ausüben dürfen. Es gibt keine Geldeintreiber mehr, keine Mahnungen, gar nichts. Das bedeutet, ihnen blieb nichts anderes übrig als das Geld abzuschreiben.

Bei unserer Projektidee war genau dies das sogenannte ‘Haar in der Suppe‘, dass wir den kriminellen Kreditinstituten auch noch Geld in den Rachen werfen... Es war mir klar und auch der Kritikpunkt einiger Spender.

Ich war überzeugt, das Geld nun den Betroffenen direkt zukommen zu lassen. Die Fakultät economy der Kakatiya Universität hatte bereits super Vor- arbeit geleistet. Es gab Listen mit den betroffenen Familien, den näheren Umständen, Kontaktdaten etc.Wir suchten 8 Familien aus, in denen Kinder zurückgeblieben waren und sich Selbstmorde ereignet hatten.Wir besuchten diese Familien in den Dörfern, empfingen sie z.T. im Hause des Professors. Wir waren von früh morgens bis spät abends nonstop unterwegs.

Zwischendrin wurde ich dem Direktor der Universtät und einer Anzahl Professoren vorgestellt und mit einer Ehren-Schale und einem Umhang ausgezeichnet. Obendrein sollte/mußte/durfte ich einen Vortrag vor den Studenten der Fakultät economy halten.



Das Geld und der Plan

Professor Venkatanarayana hatte folgenden Plan entwickelt, den wir dann genauso ausführten: Ich wurde Kontoinhaberin (was in Indien unter normalen Umständen für einen Ausländer gar nicht mal so einfach ist) bei einer seriösen Bank – der DENA BANK in Warangal. Der Geldbetrag in Höhe von 264.850 rupies wurde auf dieses Konto eingezahlt.Wir hatten es zuvor gemeinsam mit dem Bank-Manager gezählt.



Diese Summe wurde für 5 Jahre festgelegt. Die 8 ausgewählten Familien erhielten jeweils einen Scheck über 33.099,-rps. Sie bekamen zudem jeweils eine Summe von 2.000,- und 2.500,- rps in bar und werden künftig halbjährlich die Zinsen in Höhe von 1.500,- rps erhalten. Nach 5 Jahren können sie dann frei über ihr Geld verfügen. Die Übergabe erfolgte in einem feierlichen Festakt, hierzu später mehr, in der Universität einen Tag vor meiner Abreise.

Die Familien und ihre Schicksale

Die Begegnungen mit den Betroffenen werde ich niemals vergessen. Ich habe ganz ähnliche Menschen schon in anderen Teilen Indiens kennengelernt. Arm, ganz einfach, pur, geradlinig, sie haben nichts, sie arbeiten den ganzen Tag für ein paar rupies und haben sich einen Kredit aufschwatzen lassen. Ihr Pflichtbewußtsein und ihre Verzweiflung den Kredit nicht zurückzahlen zu können, trieb sie in den Tod.

Die beiden Familien über die im Weltspiegel berichtet wurde, waren einer der ersten, die wir dann auch besuchten. Die beiden Söhne von Rajitha wirkten sehr verstört und traurig. Sie selbst habe ich nicht gesehen. Sie war in einer größeren Stadt am arbeiten. Ihr Vater und Bruder sorgten für die beiden Jungen.




In zwei Familien hatten sich gleich beide Elternteile das Leben genommen. Nun waren die Großmütter ganz allein für die Kinder da. In einem Fall fühlte sich die Großmutter (Foto unten) der Aufgabe nicht gewachsen.Vor ein paar Monaten war auch noch ihr Mann gestorben. Der eine Enkelsohn lebt nun bei der Tante, sein jüngerer Bruder ist in einer ganz anderen Stadt in einem Waisenhaus. Die Mutter hatte sich mit Cherosin übergossen, der Vater hatte die Schreie gehört, wollte das Feuer löschen und verbrannte ebenfalls.


Ich habe übrigens nur Fotos gemacht, wenn die Situation dies erlaubte. Manchmal wurde ich direkt gefragt, ob ich nicht ein Foto machen könne.
In dieser Situation war fast das halbe Dorf um uns versammelt. Wir fanden keine Worte, wir schauten uns einfach nur an...

Die andere Großmutter war, begleitet vom Bürgermeister des Dorfes, mit den beiden kleinen Enkelkindern in Schuluniform gekommen. (Foto unten) Ihr Sohn war Harmoniumspieler gewesen. Es gab immer wieder Streit zwischen den Eheleuten wegen des Kredits und des Geldes. Eines Tages wurde die Mutter tot auf einem Acker gefunden. Sie hatte Pestizide getrunken. Am nächsten Tag fand man den Vater auf einem anderen Acker, er hatte sich in gleicher Weise das Leben genommen. Diese Großmutter war für das Geld so sehr dankbar; man übersetzte mir, sie wolle mir gerne eines ihrer kleinen Lämmer schenken...



Die Schicksale der Familien waren alle ähnlich, die Angehörigen hatten sich ertränkt, Chemikalien getrunken, aufgehängt oder mit Cherosin übergossen und angezündet. Hindus, Moslems, Christen... die Religionszugehörigkeiten waren so gemischt wie in der indischen Bevölkerung.


Der Vater der Witwe, auf dem Foto links, antwortete auf meine Frage, wie man ihnen am besten helfen könne‚ er hätte so gerne eine Kuh, dann hätte er jeden Tag wenigstens ein kleines Einkommen.

Dann gab es die moslemische Familie. Die Mutter/Witwe war tief verschleiert, als ich sie zum erstenmal sah, sah man nur ihre Augen. Ihr Mann hatte aus Verzweiflung Chemikalien getrunken...

...zu dem Zeitpunkt waren umgerechnet nur noch 82,-€ offen. Sie zeigte mir das Kreditheftchen.

Sie und ihre Mutter waren sehr, sehr dankbar. Man sah ihnen ihre Erleichterung an. (Foto unten)



Die Scheckübergabe

Für den Tag vor meiner Abreise war die große Scheckübergabe anberaumt. Dies sollte in den Räumen der Universität im Rahmen eines Festaktes stattfinden.Wer Indien kennt, weiß daß Inder wahre Zeremonienmeister sind. Sämtliche Familien und Vertreterinnen der unabhängigen women self- helpinggroups, Presse, Studentenvertreter u.a. waren eingeladen...



Mehr und mehr Frauen schließen sich in Andhra Pradesh in womenselfhelpinggroups zusammen. Diese Frauen waren geladene Gäste zur Scheckübergabe. Zwei von ihnen hielten eine eindrückliche Rede.

...Nach einem gemeinsamen Mittagessen gingen wir alle im Gänsemarsch zum Hauptgebäude -mit Sicherheitspersonal vor dem Eingang zur soge- nannten Senats Hall. Einige der Gäste waren barfuß, mein Eindruck war – nie hatte jemand von ihnen zuvor so einen Raum betreten. Auch ich war verblüfft, hatte gar nicht mit so einem feierlichen Rahmen gerechnet. An der Rückwand hinter dem Podium prankte ein großes Banner. Ich war geplättet. In großen roten Lettern war zu lesen:

Financial Aid to the Victimised Families of MFIs
sponsored by
Monika Rateriny
Social Activist, Germany



Ok, social activist war ich bisher noch nie gewesen, aber ich fühlte mich richtig gut in meiner neuen Rolle. Die eintretenden Gäste sahen sich ratlos um. Einige hätten sich am liebsten versteckt. Doch es war ein tribünenartiges Auditorium und kein Entrinnen. Jeder Sitzplatz schien etwas Gehobenes, Bedeutsames zu vermitteln, so schlug spürbar mit Hilfe der eingespielten musikalischen Untermalung die anfängliche Ängstlichkeit in wohlige Erwartung um.

Ich nahm auf dem Podium Platz neben dem Direktor der Universität und einer Riege von Professoren. Es folgte eine Reihe nicht enden-wollender Ansprachen in der Landessprache ‚Telugu‘. Immer wieder hörte ich meinen Namen und Germany... und dann war ich dran mit meiner Ansprache. Ich machte den Menschen Mut; sagte, dass sie nicht allein seien und die Welt auf sie schaut und man in Deutschland sehr wohl um ihre Probleme wisse. Auch sagte ich, dass das Geld von ungefähr 80 Menschen in Deutschland gemeinsam gespendet wurde. Dass wir alle Brüder und Schwestern sind und dass wir Eins sind und sie ihr Vertrauen in die Zukunft nicht verlieren sollen!

Mit eingespielter Musik begann dann die Übergabe der Schecks und der Kuverts mit Bargeld, es gab außerdem einen Ball für die Kinder, Apfelsinen und Kulis.


Jedes Kind wurde nach vorne gerufen. Die Schecks schienen ihnen relativ unbedeutend im Gegensatz zu dem Ball. An jeder Straßenecke spielen in Indien die Kinder Kricket. Hierfür hatte ein Freund aus Berlin mir Tennisbälle mitgegeben. Zum Glück! Einen Ball zu bekommen, war das Ereignis für die Kinder und der erste und seltene Moment indem sich ihre traurigen Gesichter aufhellten und vor Freude strahlten.


auf dem Foto untere Reihe: Kinder mit den Schecks, in den lokalen Zeitungen und den überregional erscheinenden Hindu News gab es am nächsten Tag einen Bericht

Resümee

Danach hab ich Urlaub gemacht, selten war ich so tief zufrieden. Die vielen Erlebnisse, die Gesichter, die Tränen der Dankbarkeit werde ich nie vergessen.Wir haben wirklich etwas geschafft! Das Geld, die Schecks waren wichtig; das Gefühl für die Zurückgebliebenen etwas auf der ‘hohen Kante‘ zu haben, das ihnen niemand nehmen kann, ist wichtig! Sie konnten vielleicht nur kurz ihre Trauer vergessen, aber sie haben neues Vertrauen geschöpft. Ein bedeutsamer Punkt war auch, wahrgenommen zu werden mit den eigenen Problemen. Der festliche Rahmen hatte meiner Meinung nach eine starke psychische Wirkung auf die, die sich wirklich bedroht z.T. sogar geächtet fühlten, sie haben ihre Würde zurück erlangt.

All das war möglich, weil ihr alle gespendet habt!

Ich danke Euch von ganzem Herzen, daß Ihr mir Euer Geld anvertraut habt!!! Es gab Spenden von 5,-€ bis 660,-€. Jeder Betrag war wichtig und ist in Indien das 60-fache wert. Zum Teil gab es große Geldspenden von Leuten, die ich nicht einmal kenne...

Danke! Danke! Danke! herzlichst Monika

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